Elternsein bedeutet Verlust von Kontrolle – und was Firmen dagegen machen

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Vernetzte Kinderwelt - Foto (c) luxuz::. / photocase.de
Vernetzte Kinderwelt – Foto (c) luxuz::. / photocase.de

In so einigen Elternratgebern ist zu lesen, man solle auf sein Bauchgefühl hören. Das scheint jedoch kaum noch vorhanden zu sein. Elternsein hat schon immer bedeutet, dass man Loslassen muss. Das Kind kommt in die Kita. Loslassen. Das Kind kommt in den Kindergarten. Loslassen. Das Kind kommt in die Schule. Loslassen. Doch das scheinen immer weniger Eltern zu können. Der Radius, in dem sich Kinder frei und alleine bewegen wird immer enger.

Schon vor vier Jahren, gab es im Guardian einen Artikel darüber, dass Kinder kaum noch in der Natur unterwegs sind. Schlimm. Allen Eltern sei daher das Buch “Wie Kinder heute wachsen” ans Herz gelegt. Kauft es, lest es, verinnerlicht es und setzt es um. Denn heutzutage reicht der Aktionsradius des Nachwuchses gerade einmal noch bis zum Gartenzaun. Wenn man denn einen hat. Alle anderen bleiben drin. Und werden sie dann rausgeschickt, leiden die Eltern an Überwachungswahn (man nennt sie gerne verniedlichend Helikoptereltern). Schnell, gebt mir einen Tracker, mit dem ich sehen kann, wo sich mein Kind befindet. Nicht, dass es nach der Schule womöglich noch ein Eis mit Freunden isst. Ein neuer Markt für Firmen, die einen natürlich nicht überwachen wollen. Sie wollen einem die Sicherheit geben, die die Eltern von heute in der immer komplexer werdenden Welt brauchen. Ehrlich?

Auf den lesenswerten Artikel in der Zeit “Das getrackte Kind” kam ich über die Linksammlung von Maximilian – danke für die Perle. Und ich schüttle immer noch mit dem Kopf. Es wird sich ein Markt dafür finden, wenn er nicht schon da ist. Es gibt ja kaum noch Bereiche, wo man sich als Familie noch ohne Überwachung aufhalten kann. In den eigenen vier Wänden regelt ein vernetztes Thermostat die Heizung, der Kühlschrank weiß, wann die lebenswichtige Milch alle ist, die Kaffeemaschine kennt deinen Geschmack (wobei, das finde ich gut 😉 ), die Windel piept, wenn sie voll ist, smarte Schuhe tracken, wo du läufst, dein Uhrarmband funkt an die Krankenversicherung, dass du dich viel zu langsam oder zu wenig bewegst und schmeißt dich raus.

Firmen schlagen daraus Kapital

Immer mehr Firmen mit Kindertrackern tauchen auf. Mehr Sicherheit für die Eltern. Aber auch mehr Freiheit? Ich fühle mich damit noch eingeschränkter und unter Druck gesetzt. Man muss die Finger still halten, um nicht ständig nachzusehen, wo der Nachwuchs ist. Und wehe, das smarte Produkt funkt nicht – weil der Akku leer ist oder die Verbindung schlecht ist. Oh weh. In gewissen Situationen und ab einem gewissen Alter mögen kindgerechte Handys mit eingespeicherten Nummern (Eltern, Großeltern) und einem “Panikknopf” ihre Berechtigung haben. Getrackte Schultaschen, Schuhe, Windeln etc. brauche ich aber nicht.

Ist doch klar, dass man dann nur das Beste fürs Kind will. Wollten unsere Eltern auch schon. Gott sei Dank war die Technik damals noch nicht so weit. Wo bleibt das eigene Entdecken, wie kann man eigene Erfahrungen machen, wenn die Eltern alles zu jeder Zeit überprüfen können. Früher reichte ein “Ich bin bei xy zum Spielen” – “Ja, sei bitte zum Abendessen wieder da.” Heute müssen Notfallnummern, Notfallansprechpersonen etc. ausgetauscht werden.  Ich habe keine Ahnung, wohin sich das noch alles entwickeln wird. Momentan kann ich noch ein wenig darüber schmunzeln.

Wie siehst du das? Können wir Eltern uns nicht mehr auf das eigene Bauchgefühl verlassen?

Foto (c) luxuz::. / photocase.de

6 KOMMENTARE

  1. Wir sind aufs Dorf gezogen, als unser Kleiner geboren wurde.
    Wir haben uns fest vorgenommen, ihm, und seinen kommenden Geschwistern Freiraum zu geben.

    Ganz ehrlich, in der Stadt hätt ich mich das heut nimmer getraut. Zu viele Spinner, zu viel Verkehr
    und zu wenig Spielraum für Kinder.

    Hier im Dorf habe ich keine Bedenken. Jeder kennt inzwischen unseren kleinen Mann, und selbst sollte mal
    was passieren, werden wir sicher davon erfahren.
    GPS Tracker finde ich zutiefst unfair, und wenn das Kind irgendwann begreift, was dies bedeutet, wird
    es auch den Vertrauensbruch erkennen, den die Verwendung mit sich bringt.

    Wir haben damals auch geschwindelt, und sind heimlich in die Stadt gelaufen, haben dort nen Döner gegessen,
    und dann irgendwie versucht den Zwiebelgeruch zu übertünchen.
    Wir sind stundenlang durch den angrenzenden Wald gelaufen, und haben dort unsere Lager gebaut.
    Ich denke mein Radius lag damals bei sicher 5-10 km ums zu Hause herum. Ich hoffe meine Kinder nutzen das auch.

    In der Regel geht ja alles gut, und Kindesentführungen passieren zum Glück selten. Aber die Wahrscheinlichkeit
    ist in der Strasse vor dem haus auch gegeben.
    Um ein Notfall-Handy wird man nicht rumkommen, da die Kinder heute sehr früh ihr eigenes Handy fordern.
    Und wir als Nerd-Eltern werden kaum argumentieren können, warum das Kind keines bekommen soll.

    Unser kleiner ist knapp 2 und ganz klar ein Draußen Kind. Wir haben oft riesen Gebrüll, wenn er Abends
    dann mal reinkommen soll, und seine Dreckschippe weglegen muss.

  2. Danke für deinen Kommentar.
    Ich gebe dir recht. Ich muss mir selbst auf die Finger hauen, dass man sie alleine zum Spielplatz und zum nicht weit entfernten Bäcker laufen lässt. Wie sollen die Kinder sonst Selbstständigkeit lernen.

  3. Hallo Sven,

    ein wenig gruselig finde ich dieses Tracking schon.
    Und für volle Windeln und Co wohl ziemlich weit hergeholt.

    Doch wenn man selbst Mama oder Papa ist, weiß man, dass da immer irgendwo in einem diese Angst ist, dass doch mal etwas passieren könnte.
    Ich wüsste nicht, ob ich es selbst machen würde. Ich bin mir aber sicher, dass wenn eines meiner kleinen Mädchen verschwunden wäre, ich mir nichts mehr wünschen würde, als dass dieses Kind irgendwo an oder im Körper etwas hätte, mit dessen Hilfe ich es orten könnte.

    Herzliche Grüße
    Paulina

  4. Hallo Paulina

    danke für deinen Kommentar. Auch ich bin da hin und hergerissen. Man sollte für sich entscheiden, was man aus dem Bauch heraus gut findet.

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